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Schwerpunktthemen: Endokrin wirksame ChemikalienEndokrin wirksame Chemikalien in der Umwelt Störungen der Entwicklung und Funktion des männlichen Reproduktionssystems Hasso Seibert Korrespondenzautor: Hasso Seibert, Institut für Toxikologie, Universität Kiel, Weimarer Straße 8, D-24106 Kiel
Eine Reihe von Untersuchungen aus den letzten Jahren liefern Hinweise auf eine Zunahme von Störungen der Entwicklung und Funktion des männlichen Reproduktionssystems im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Hierzu gehören Berichte über verminderte Spermiendichten sowie zunehmende Häufigkeiten von Hodenkrebs, Kryptorchismus und Hypospadien. Während die Untersuchungen zur Zunahme der (geographisch variierenden) Inzidenz von Hodentumoren eindeutig sind, liegen zu zeitlichen Veränderungen der Häufigkeiten von Kryptorchismus und Hypospadien nur relativ wenige Daten vor. Die inzwischen zahlreichen retrospektiven Untersuchungen zu Veränderungen der Spermienkonzentration im Ejakulat von Männern lassen z.Zt. keine einheitliche Aussage zu, da die Ergebnisse aus einigen Ländern bzw. Regionen auf einen signifikanten Rückgang hindeuten, während in anderen entweder keine Veränderung oder sogar Zunahmen registriert wurden.
Nach der sog. "Östrogenhypothese" soll die gemeinsame Ursache dieser Störungen in einer erhöhten pränatalen Exposition gegenüber Östrogenen bestehen. Unter den exogenen Östrogenen kämen hierfür synthetische Östrogene, Phyto- und Mykoöstrogene sowie Chemikalien mit östrogener Wirkung in Frage. Eine Literaturrecherche hat ergeben, daß z.Zt. mehr als 100 chemische Verbindungen aus unterschiedlichen Gruppen bekannt sind, die östrogene Aktivität besitzen. Dies ist jedoch nicht die einzige Form, in der Chemikalien endokrin wirksam sein können. Ubiquitär verbreitete Verbindungen aus den Gruppen der polychlorierten Dibenzodioxine und -furane und Biphenyle verfügen über antiöstrogenes Potential, während Substanzen wie p,p",DDE, Linurno und Vinclozolin als Androgenrezeptor-Antagonisten antiandrogen wirksam sein können. In Anbetracht des äußerst begrenzten Kenntnisstandes stellt die Östrogenhypothese z.Zt. nicht mehr als eine interessante Diskussionsgrundlage dar. Die meisten Fragen, die zur Annahme, Ablehnung oder Modifizierung dieser Hypothese beantwortet werden müßten, sind noch völlig offen oder erst in -Ansätzen bearbeitet. Um so dringlicher erscheint es, Forschungsaktivitäten auf unterschiedlichen Ebenen darauf zu richten, die mögliche öko- und humantoxikologische Bedeutung von Chemikalien mit endokriner Wirkung zu klären.
| | Schlagwörter: Antiandrogene; Antiöstrogene; Hodenkrebs; Hypospadien; Kryptorchismus; Spermienkonzentrationen; Östrogene, synthetische Östrogene, Phytoöstrogene, Xenoöstrogene; Östrogenhypothese; Endokrine Wirkung |
Endocrine Active Chemicals in the Environment - Disorders of the Male Reproductive System Hasso Seibert Corresponding author:: Hasso Seibert, Institut für Toxikologie, Universität Kiel, Weimarer Straße 8, D-24106 Kiel
Various recently published studies indicate increases in disorders of development and function of the male reproductive system during the last decades. This refers to reports on a decline in sperm count and increased incidences of testicular cancer, cryptorchidism and hypospadias. While the results of studies on the increase in (geographically varying) incidents of testicular cancer are unequivocal, data on changes in rates of cryptorchidism and hypospadias are rather limited. Meanwhile, numerous retrospective studies on changes in sperm concentrations in the ejaculate of normal men have been published. However, at present it is not possible to draw generally valid conclusions since results from some countries or geographic regions indicate a significant decline while in others either no changes or even slight increases have been reported.
According to the so-called "Estrogen hypothesis", the common cause of these disorders shall be an increased prenatal exposure to estrogens. Concerning exogenous estrogens, synthetic estrogens, phyto and mycoestrogens, and chemicals with estrogenic activity could play a role. A search in the available literature has revealed that at present more than 100 chemical compounds from different classes are known to possess estrogenic activity. This, however, is not the only way in which chemicals may be endocrinically active. Ubiquitously distributed compounds from the classes of polychlorinated dibenzodioxins/furans and biphenyls exhibit an antiestrogenic potential, while chemicals like p,p"-DDE, Linuron and Vinclozolin being competitive androgen receptor antagonists my act as antiandrogens.
Concerning the very limited current knowledge, the estrogen hypothesis at present represents an interesting basis for discussion. Most questions that would have to be answered in order to accept, reject or modify this hypothesis are either completely open or only partially understood. Thus, there is an urgent need to initiate research efforts to clarify the toxicological significance for ecosystems and humans of chemicals with endocrine activity.
| | Keywords: antiandrogens; antiestrogens; cryptorchidism; estrogen hypothesis; estrogens, synthetic estrogens, phytoestrogens, xenoestrogens; hypospadias; sperm concentration; testicular cancer; endocrine activity |
8 UWSF (5) 275-284 (1996)
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