DOI: http://dx.doi.org/10.1065/ehs2002.03.013
--- Die Umweltwissenschaften orientieren sich
häufig an einem Bild von Wissenschaft, das der Physik entstammt
und in dem Naturwissenschaft und Technik eine enge Verbindung
eingehen (Technowissenschaft), während zwischen Wissenschaft
und Gesellschaft sauber getrennt wird (Autonomie der Wissenschaft).
Dieses Bild von Wissenschaft ist in jüngerer Zeit von
verschiedenen Seiten in Frage gestellt worden. In diesem Beitrag
skizzieren wir Charakteristika und Erfolgsbedingungen dieses Modells,
loten seine Grenzen mit Blick auf die Umweltwissenschaften
aus und diskutieren neue Formen der Wissensproduktion, die ein
anderes Bild von (Umwelt-)Wissenschaft zeichnen.
Wir beziehen uns in diesem Beitrag auf wissenschaftsphilosophische
Arbeiten zum Status von Experiment und Modell, auf die
Konzepte der Komplexität und Selbstorganisation, auf Beiträge
aus Risikoforschung und Technikfolgenabschätzung und auf
Arbeiten aus der Wissenschaftsforschung.
Im technowissenschaftlichen Modell dienen die Dekontextualisierung
wissenschaftlicher Gegenstände, das Messbarkeitsparadigma
und die Abstraktion von natürlichen Systemen der Produktion
von universellem, kontextunabhängigem Wissen. Die
Einheit von Wissenschaft und gesellschaftlicher technologischer
Praxis sorgt dafür, dass das im Experiment produzierte Wissen
(technisch) verwertbar ist. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass
dieses Modell in den Umweltwissenschaften nur bedingt anwendbar
ist, u.a. weil ökologische Systeme konzeptionell offen sind
und weil vom Kontext und von der konkreten Ausprägung eines
natürlichen Systems mit seiner Geschichte nur bedingt abstrahiert
werden kann.
Das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft befindet sich
im Wandel: Expertendilemma, gewachsene Ansprüche an die
gesellschaftliche Verwertbarkeit wissenschaftlichen Wissens und
die Verschiebung von der Autonomie des Wissenschaftssystems
hin zu gesellschaftlicher Rechenschaftspflicht zeigen diesen
Wandel an. Wichtige Hintergründe für diese Veränderungen sind
ein Paradigmenwechsel, ausgelöst durch die Entdeckung von
Komplexität und Selbstorganisation, ein zunehmendes Bewusstsein
für die Kontingenz wissenschaftlicher Beobachtungen und
Beschreibungen sowie die explosionsartige Erweiterung der
Wissensbestände; letztere hat zu einer (unbeabsichtigten) Mitproduktion
von Ungewissheit und Nicht-Wissen (z.B. als ´´Nebenfolgen´´)
geführt. Dadurch werden Autorität, Objektivität und
Autonomie gerade auch der Umweltwissenschaften zunehmend
in Frage gestellt: Die kontextfreie, universelle und wertfreie
Wissenschaft ist in eine Krise geraten. In dieser Situation sind
neue Formen der Wissensproduktion beschrieben bzw. eingefordert
worden, die dem jeweiligen Kontext und den relevanten
Akteuren mehr Raum in der Wissensproduktion zumessen.
Wir schlussfolgern, dass das technowissenschaftliche Modell in
den Umweltwissenschaften an Grenzen stößt, dass die Umweltwissenschaften
aufgrund der Praktiken, die sie in der Auseinandersetzung
mit Feld, Freiland und konkreten Standorten entwickelt
haben, jedoch gut für den Umgang mit Heterogenität,
Partikularität und Kontexten gerüstet sind. Problematisch bleibt
die programmatische Ausklammerung menschlicher Akteure (als
Determinanten natürlicher Systeme), deren Wissen und der
Umgang mit Ungewissheit. Die Sonderstellung der Umweltwissenschaften,
die behandeln, was die Technowissenschaften ausklammern
bzw. als Nebenfolgen mitproduzieren, prädestiniert
sie als Testfeld für neue Formen der Wissensproduktion. |